Mittwoch, 25. September 2019

Octopus




Der Kraken, Schrecken der sieben Weltmeere, Zerstörer unzähliger Schiffe, die er mit seinen acht Fangarmen in die dunklen, kalten Tiefen zerrt. Zwei dieser Fangarme kommen jetzt langsam aus seiner Höhle, danach zwei weitere, ziehen langsam den roten Körper hinter sich her und dann ist er vollständig heraus und zeigt sich in seiner ganzen Pracht.

Ziemlich klein, schießt mir durch den Kopf, wahrscheinlich noch ein Jungtier. Die Freude ist groß, tatsächlich so groß, dass ich sie an dem Schütteln an meiner Schulter spüren kann. Ich schaue nach rechts, und pure, kindliche Freude strahlt mir entgegen. Und die spüre ich auch, bei dem Anblick, aber auch ein leichtes Unbehagen, alte verrostete Mechanismen, die langsam wieder in Gang kommen, tiefsitzende Angst. Spielt alles keine Rolle, denn vor mir steht nun der erste, lebende Oktopus, den ich sehe. Also mache ich Fotos.

Der Name Oktopus kommt aus dem Griechischen und bedeutet sowas wie „Achtfuß“ oder „Achtfüßler“. Da es aus dem Griechischen stammt, lautet der richtige Plural des Wortes Oktopoden und nicht Oktopusse (obwohl es gebräuchlich ist) und auch nicht Oktopi (obwohl es deutlich lustiger klingt). Aber als sich herausstellte, dass das Aquarium keinen Namen für ihn hatte, nannten wir den vor uns schwimmenden Oktopus einfach „Pi“.

Pi hat selbstverständlich 8 Tentakel mit unzähligen Saugnäpfen dran und wahrscheinlich genug Zugkraft, um uns beide in sein Becken zu ziehen mitsamt Fotoausrüstung. Erstaunlich ist jedoch, dass in jedem dieser Tentakel mehr Nervenzellen vorhanden sind, als in seinem Gehirn. Eine Beobachtung, die zu der Theorie geführt hat, dass jeder dieser Tentakel eigenständig denken kann und sogar eine eigene Persönlichkeit haben soll.

Vielleicht haben wir genau das bei einem anderen Oktopus beobachten können, als dieser sich in eine Ecke seines Aquariums verkroch und mit diversen Gegenständen eine Höhle baute und nur ein einziger Tentakel herauskam und das Becken erforschte. Vielleicht war es auch nur projiziertes Wunschdenken und ganz natürliches und zufälliges Verhalten.

Was bedeutet es überhaupt multiple Persönlichkeiten zu haben und wie soll man diese als Außenstehender erkennen, wenn man ein Individuum vor sich hat, das sich so gleichmäßig und elegant durch seinen Lebensraum bewegt. Wie lange muss man Beobachter sein, um ein Wesen zu durchblicken, das einem nicht einfach ausdrücken kann, wie es sein Dasein empfindet?

Ich habe zwar keine Tentake, doch spüre ich wie etwas an mir zerrt; im Geiste, nicht in der Realität – und doch nenne ich diesen Geist meine Realität. Zwei Wesen sind es, die um mich kämpfen. 

Der eine ist tiefblau wie die unendlichen Weiten des Meeres und ebenso tief traurig. Er fürchtet Alles und Jeden, der auch nur in meine Nähe kommt. Er ist der Zweifler, derjenige, der nicht will, dass ich vorankomme, der nicht glaubt, dass ich vorankommen kann, der hofft, dass ich stehen bleibe, mich zu einem Ball auf dem Boden zusammenrolle, mich verstecke und mich in seine unendlichen Tiefen sinken lasse. Für immer.

Der andere ist Feuer und genauso feuerrot erscheint er mir. Er ist Wut in Person aber auch Leidenschaft und Liebe. Er trägt so viele Facetten, dass es mir manchmal unmöglich ist zu wissen, ob er Freund oder Feind ist oder mehr als einer, ein echter Oktopus. Der Kraken, Schrecken der sieben Weltmeere, Zerstörer von Freundschaften, Verbrenner von Erde, Meister alles Schönen, Verschlinger der Zeit, Liebhaber der Liebe, Herold des Todes und Herrscher der Schlaflosigkeit.

Ein Oktopus zeichnet sich nicht nur durch seine Intelligenz aus, sondern auch durch seine Wandlungsfähigkeit. Er wechselt nicht nur seine Farbe, auch wenn das seine Spezialität ist, er kann sich auch nahtlos seinem Umfeld anpassen und vollkommen unsichtbar werden. Dabei kann er auch Pflanzen, Steine oder sogar andere Tiere nachahmen.

Ich selbst verstelle mich nicht. Ich versuche mich nur zu schützen. Ich baue Mauern mit allem, was um mich herum liegt, eine Barriere. Ich mache mich unerreichbar und unantastbar, weil ich unverwundbar sein möchte. Doch macht es mich nur einsam. Meine Tentakel sind das einzige, was die Welt da draußen sieht.

Pi konnten wir nicht sehr lange beobachten, bzw wir konnten ihm sehr lange zusehen, jedoch nur beim Schlafen. Auch der andere Oktopus, den wir sahen, zeigte sich nur kurz in seiner vollen Pracht, zog sich dann in eine Ecke zurück und baute sich eine Höhle aus Seegras und seinem Spielzeug.
Wir machten uns Gedanken darüber, ob er schlecht gehalten würde, ob es gegen seine Natur sprach, dass er sich eine Höhle bauen musste und keinen Rückzugsort hatte. Doch rückblickend könnte es genauso gut sein, dass das seine Natur ist, seine Persönlichkeit. Lieber eine Höhle bauen, als sich einfach irgendwo hinein zu quetschen.

Wie viel kann man eigentlich über so ein Tier aussagen, wenn man es nur ein paar Stunden gesehen hat?

Meine Natur ist schwierig zu beschreiben. Vielleicht auch deshalb, weil ich zu wenig Zeit hatte, mich selbst zu beobachten. Es brauchte aber nur eine Kleinigkeit, einen kurzen Lichtblitz, um den Weg zu weisen.

Jeder Teil von mir scheint seinen eigenen Willen, seine eigene Persönlichkeit, zu haben. Mal sind sie ruhig, wie Tentakel, die in der Strömung treiben, dann schlagen sie wieder wild um sich und ich selbst kann sie kaum bändigen. In solchen Momenten verletzen sie nicht nur mich, sondern auch alle um mich herum. Vor allem diejenigen, die mir etwas bedeuten.

Jetzt sitze ich hier, allein, und höre ihren Stimmen zu. Ich betrachte etwas Wunderschönes und sie überschütten mich mit ihren Worten, der eine voller Zweifel und Unsicherheiten, der andere voll Verwirrung und Wut. Und mir wird schlecht, bei dem Gedanken, dass all diese Obszönitäten, all diese panischen Ängste aus meinem eigenen Kopf herauswachsen und Gestalt annehmen und andere verletzen wollen, nur um niemanden an mich heran zu lassen.

Er lebt ein einsames Leben, allein im Meer und allein auch in diesem Aquarium vor uns. Der Kraken, Schrecken der sieben Weltmeere, wenn man ihn nicht wirklich kennt. Wahrscheinlich einfach nur missverstanden und egal in welcher Form er erscheint, im Inneren immer gutmütig. In jedem Fall wunderschön, auf diese einzigartige Weise. Und schenkt man ihm etwas mehr Beachtung und ein bisschen mehr Zeit, sieht man, wie faszinierend er sein kann.

Montag, 21. Januar 2019

Prelude



Was müssen sich wohl die Menschen in der Antike gedacht haben, wenn sie solch einen Blutmond gesehen haben, wie er gerade vor mir am Himmel steht? Sehr wahrscheinlich hielten sie ihn als ein böses Omen, als einen Vorboten schlechter Nachrichten. Und ja, auch ich könnte die verspätete Bahn und die darauffolgende Verkettung unglücklicher Umstände mit diesem Mond in Verbindung bringen. Doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Und manche Sachen sind schlichtweg Zufälle. Dachte ich jedenfalls.

Die Erde steht zwischen der Sonne und dem Mond. Ihr Schatten fällt auf die Mondoberfläche und verdunkelt sie, jedoch bricht die Atmosphäre der Erde das Licht der Sonne so, dass nur noch die roten Bereiche auf den Mond gelenkt werden. Er erscheint rot an den Stellen, wo kein direktes Sonnenlicht fällt. So ähnlich verlaufen meine Gedanken an diesem Morgen, bedeckt von ihrem Schatten und nur erleuchtet von dem roten Schein, der sie zu umgeben scheint.

Trotz Verspätung und trotz Blutmond und all der Kälte und Müdigkeit und obwohl mir ständig der Gedanke kommt einfach zurück nach Hause zu gehen, mache ich weiter. Im Kopf eine leise Pianomelodie, Chopins Prelude no. 4, die Hans von Bülow mit „Ersticken“ betitelte. Und so fühle ich mich auch in diesen Momenten, als würde ich ersticken in all diesem Lärm und all diesen Menschen. Der ganze Tag wie eine einzige Stellwerkstörung; was auch mein persönliches Wort des Tages wurde.

Der Winter scheint wohl genau so unerwartet gekommen zu sein, wie viele andere Sachen auch. Dabei ist es Januar, man hätte sich eigentlich darauf einstellen können. Im Traum sah ich sie, wie sie mir eine Hand auf die Schulter legte; wir küssten uns. Auch dieser Traum kam unerwartet. Und seine Einzigartigkeit überraschte mich.

Ich komme verspätet dort an, wo ich vor Stunden hätte sein sollen. Der Mond hat sich mittlerweile zum Horizont bewegt, nicht mehr rot, weiß und aufgedunsen schwebt er dort, lässt sich Zeit und beobachtet die gefrorene Welt, wie sie sich langsam der aufgehenden Sonne entgegen dreht. Ob rot oder weiß, letztendlich war es doch nur das Licht der Sonne. Irgendeine Weisheit versucht sich ihren Weg in mein Verständnis zu bahnen. Ich werde zurück versetzt in die Zeit von Rumi, sitze mit ihm in einem Garten und höre mir seine Gedichte an. Er wiederholt ständig dieses eine Wort: Liebe. Wahrscheinlich würde er meine Situation belächeln und mir dann eine kryptische Antwort geben.

Im Sonnenlicht sieht man aber die Flamme einer Öllampe nicht mehr. Und bei Tageslicht scheinen auch meine Gedanken und Wahrnehmung anders zu verlaufen. Sie sind klarer und leider auch kälter. Viel zu schnell für all die nächtlichen Träumereien und Phantasien.

Ich kann sie vor mir sehen. Sie ist wunderschön. Und ich? Ich brauche Luft. Kann nicht denken. Mein Kopf füllt sich mit Lärm, so viel Lärm. Sie ist diejenige die Ruhe bringt. Wenn sie nur wüsste. Wenn ich nur klarer sehen könnte.

Manchmal sehe ich mich selbst als zwei Wesen, die sich um mich herum bewegen, so wie die Sonne und der Mond. Mal ist der eine klarer, dann der andere. Beide ziehen sie aber mit solch einer Kraft an mir, wie die Gravitation der Sonne und des Mondes an der Erde. Und dann bin ich mal Mond, mal Sonne, mal Erde. Mal jemand anderes.

Der Liebende und der Geliebte sind eins. Einer findet sich im anderen wieder. Er ist Spiegel und Bild in einem. Sie fließen ineinander und gehen aus einem heraus. Neu geboren und doch uralt.

Wenn ich gehen will, verspüre ich ihre Gravitation am stärksten. Es sind diese Momente, die ich schätze, diese letzten Augenblicke, bevor die Sonne untergeht. Die Tage werden zwar länger, aber die Zeit verhält sich immer noch gleich. Sie fliegt in ihrem Schein und schleicht dahin in der Dunkelheit.

Nachts verändern sich die Gedanken. Es schleichen sich Träume ein und Wünsche. Sehnsucht nach einem warmen Bett, nach Wärme. Ein Verlangen nach der Sonne oder wenigstens nach diesem roten Schein.

We are the mirror as well as the face in it.
We are tasting the taste this minute
of eternity. We are pain
and what cures pain, both. We are
the sweet cold water and the jar that pours.
Rumi

Mittwoch, 28. Juni 2017

When is a door not a door?

When it's ajar.


Wann immer ich ihn brauche, klopfe ich an seine Tür. Alt ist sie, aus schlichten Holzbrettern gefertigt und mit einfachen Rechtecken verziert, die in die Oberfläche geschnitzt wurden. Sie muss irgendwann mal rot gewesen sein, doch der abblätternde Lack hat mittlerweile die Farbe von Rost angenommen.


Meist reicht es aus, wenn ich seine Worte wiederhole, die leise unter dem Türspalt hindurch sickern. Immer wieder öffne ich sie nur einen Spalt weit, mit vorgelegter Kette und sehe seine Augen in der Dunkelheit dahinter, während er versucht mich zu ergreifen. Doch manchmal, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, muss ich sie auch ganz öffnen und ihn heraus lassen.


Er ist ziemlich wundersam und irgendwie auch wunderbar; ich bewundere ihn jedes mal, wenn er über die Schwelle tritt. Es ist einfach faszinierend wie er alles mit leichtigkeit meistert, an dem ich gescheitert bin. Und er macht alles mit so viel Elan und Energie, so viel Kreativität. Er schreibt und singt und malt und bewältigt alles ohne inne zu halten oder nur einen Gedanken an Schlaf zu verschwenden. Ohne seine Hilfe wäre ich niemals so weit gekommen. Und er, er braucht mich eigentlich nicht, doch ist er immer hilfsbereit, wenn ich ihn rufe.


Mit ihm treten jedoch auch andere durch die Tür. Kleine dunkle gestalten, die Kindern ähnlich sind, doch nur aus Schatten zu bestehen scheinen und andere mit langen gliedmaßen und leere, wo eigentlich Augen sitzen sollten. Vögel, die bewegungslos am Straßenrand stehen und ein alter Mann, mit abstehenden weißen Haaren, grünem Mund und blutunterlaufenen tiefroten Augen. Und Fliegen. Manchmal nur ein Summen, dass immer stärker wird, manchmal aber auch welche, die wie spezialeffekte aus einem 10 Jahre alten Film aussehen: Realistisch, aber man merkt irgendwie, dass sie schlecht gerendert sind und nicht echt sein können.


Er scheint sie kaum zu beachten und wenn er es doch tun sollte, dann scheinen sie ihn nicht wirklich zu stören. Mich hingegen erschüttern sie, jedes mal, wenn sie nachts um mein Bett herum stehen oder ich ihnen irgendwo draußen in der Welt begegne. Doch sie haben einen Einfluss auf ihn, auch wenn er es nicht zeigen möchte. Sie reizen ihn, machen ihn aggressiv und unberechenbar; unkontrollierbar. Wenn es eskaliert ziehe ich mich hinter seine Tür zurück, manchmal drängt er mich auch dorthin, sperrt mich ein, schlägt von außen dagegen und schreit mir alle erdenklichen Obszönitäten entgegen. Und dann folgt das Fieber und mit dem Fieber das Feuer.
“Erde verbrennen”, nannte sie es, als sie mir helfen wollte. Erde verbrennen trifft es auch am besten und es ist meistens das Stück Erde auf dem ich stehe, oder der Teil, der mir in dem moment am wichtigsten ist.


Irgendwann hört es auf. Vielleicht wird er müde, vielleicht langweilt er sich auch nur - irgendwie glaube ich nicht so recht, dass er ein Konzept von Müdigkeit kennt. Jedenfalls öffnet er dann die Tür, stößt mich aus Seiner Welt heraus und lässt sich wieder von mir einsperren, hinter diese Tür, die einst rot gewesen war und jetzt rostbraun ist. Und ich stehe dann in der Asche, die er hinterlassen hat und schaue, was ich noch von meiner Seite der Welt retten kann.


Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Menschen er verletzt hat, wie viele er vertrieben hat. Ich kann den Grad der Zerstörung nicht mehr definieren. Und auch nicht mehr sagen, wie oft es sich schon wiederholt hat: Den Neuaufbau beginnen, ihn irgendwann um Hilfe bitten, zusehen wie er etwas Wundervolles aus dieser Unscheinbarkeit hervorbringt nur um es dann auf faszinierendster Weise wieder zu zerstören.

Es ist nicht einfach, sich immer wieder zu entschuldigen, immer wieder zu schauen, dass man alles wieder hinbiegt, alles wieder gut macht. Irgendwann sind alle guten Taten vergessen und auch in der Zerstörung scheint Wahrheit zu liegen. Und jedes mal wenn ich in den Spiegel schaue, ist er es, der mich anlächelt und dann frage ich mich, welche Seite der Tür eigentlich das Gefängnis ist. Und wann sie sich wieder öffnen wird.



The truth is I am a toy that people enjoy
'Til all of the tricks don't work anymore
And then they are bored of me
I know that it's exciting
Running through the night, but
Every perfect summer's
Eating me alive until you're gone
Better on my own

Lorde - Liability 

Freitag, 13. Januar 2017

MMXVII


MMXVII

Filloi me një premtim
Një fillim i ri
Që vazhdonte aty ku përfundoi
Me heshtje

2:22
Zhurma e kësaj nate mbaroi
Erë baruti dhe kujtimet e një buzëqeshje
Dhe unë i vetëm në rrugë
Pse mundohem të vazhdojë
Ta ndjek këtë dritë
Që as nuk di a ekziston
Ashtu siç e shohë në hije të kohërave

Jeta nuk duhej të ishte kështu
E mbushur plot ankth
Hidhërime dhe armiqësi
O bëhu me i forti, o dështo
Ne nuk bëjmë vend për dashuri
As për gëzim dhe bukuri

Fjalët janë vetëm një iluzion
Një pikë vaji që i qetëson dallgët
E këtij deti që e quajmë jetë
Në një botë që nuk është siç e bëjmë

Freitag, 16. Dezember 2016

Interlude



Das erste, was mir auffiel: Ich konnte ihr problemlos die Wahrheit sagen. Ich konnte nicht nur, ich musste es auch, aus irgendeinem größeren Grund, den ich bis heute nicht verstehe. Es spielt eigentlich auch keine Rolle.


Das andere waren die Parallelen. Als ich das erste mal glaubte zu lieben, habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, wie leicht es ist, Gemeinsamkeiten vorzutäuschen. “Ich auch!”, diesen Spruch habe ich damals sehr oft gehört. Jahre später habe ich ihn selbst auch sehr oft benutzt.


“Ich bin laktoseintolerant.” - “Ich auch, ich auch!”


Zurück zum Vortäuschen. Es ist schön, wenn man Gemeinsamkeiten hat, man fühlt regelrecht eine Verbundenheit mit dem Gegenüber. Und dies kann man sehr leicht ausnutzen, man sagt einfach “ich auch”. Natürlich kann man sich auch geschickt anstellen, das Gespräch in die richtige Richtung lenken, Erwartungen herausbekommen und diese dann erfüllen. Es unterscheidet sich eigentlich nicht von einem guten Kartentrick. Gedankenlesen, kurze Ablenkung und eine zauberhafte Enthüllung. Und in Wirklichkeit hat man sein Gegenüber die ganze Zeit wie eine Marionette geleitet. Ich bin bisher aber immer nur bei den Zaubertricks geblieben, mehr als das konnte ich nie mit meinem Gewissen vereinbaren.


Bei ihr waren die Parallelen viel subtiler. Kleinigkeiten wie ein Lied zur gleichen Zeit, ein Titel eines Textes und ähnliche Bilder, Ideen, Weltanschauungen.


Und jedes mal fiel es mir auf wie kleine Kieselsteine, die man in einen ruhigen See wirft. Und das, was als kleine konzentrische Ringe auf der spiegelglatten Wasseroberfläche begann, warf bei mir am Ufer meterhohe Wellen.


Echoes


I clearly hear your siren’s call
Over this vast sea of tar and asphalt
I receive your messages
Riding on those underground light streams
I see your wonderful face
In all these electromagnetic waves
Reflected from the sky itself


I want to reach out to you
Touch you, feel you,
Tell you all those things I have inside,
See you, drown in those eyes
And burn in your smile
But there’s a black mirror between us
And all there really is, is my own reflection


Aber mit der Wahrheit ist es heutzutage so eine Sache. Max Frisch hat es eigentlich sehr gut zusammengefasst: "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand." - Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter

Wahrheit, so scheint mir, ist heutzutage auch gar nicht erwünscht. Man möchte angelogen werden und man möchte auch diese Lügen glauben, obwohl man sich bewusst ist, dass es lügen sind. Das tolle Axe spray bringt Frauen natürlich nicht dazu, hinter einem her zu jagen, und doch kaufen es die meisten Jugendlichen; das neue Sagrotan beseitigt zwar 99,9% aller Bakterien, hilft aber nichts bei Grippe, obwohl es in der Werbung versprochen wird, weil der Grippe Erreger ein Virus ist; die große Liebe finden wir nicht im Supermarkt, auch wenn es von so gut wie allen Ketten irgendwann mal in der Werbung benutzt wurde.
Vielleicht werden dadurch die Lügen erträglicher, die wir uns selbst erzählen.


Könnten wir alle Gedanken lesen, wäre alles viel einfacher. Wir können es nicht, ich jedenfalls kann es nicht (und ich hoffe, dass ich nicht der einzige bin, der es nicht kann, sonst würden mir spontan sehr viele peinliche Momente einfallen). Aber wir besitzen ein anderes Mittel zur Gedankenübertragung: Die Sprache. Jedoch, wie oben schon erwähnt, ist sie nicht unbedingt sehr verlässlich. Und manchmal nutzen wir sie einfach gar nicht und ein Dialog wird schnell zur Einbahnstraße und was bleibt ist lediglich ein “bis bald.”


So I'll wait for you and I'll burn
Will I ever see your sweet return,
Or, will I ever learn?


Lover you should’ve come over - Jeff Buckley

Freitag, 7. Oktober 2016

Asphalt


Nachts gehört die Straße mir.

Tagsüber sind alle möglichen Menschen mit mir unterwegs. Taxifahrer, Männer und Frauen in ihren Businessanzügen, Blondinen in roten und silbernen Sportwagen, bärtige LKW-Fahrer, alte Menschen in noch älteren Fahrzeugen, hier und da ein Motorrad und jede menge Bauarbeiter.

Doch sobald die Sonne untergeht, sobald es dunkel wird, gehört sie nur mir.

Die Welt besteht nur noch aus Finsternis. Eine undurchdringbare Schwärze, die dann doch durchbrochen wird, von tausenden Lichtern, weiß und rot und gelb. Und all diese Menschen die mich begleitet haben verschwinden, werden kleine, anonyme Lichtquellen die an mir vorbeiziehen. Die gesamte Welt schrumpft und besteht nur noch aus meinem Wageninneren und dem Teil der Straße, der sich in meinem Scheinwerferlicht befindet. Meine Straße.

Hunderte oder gar tausende Lichter ziehen an mir vorbei. Andere Scheinwerfer, beleuchtete Schilder, die zwei goldenen Bögen die Oasen voll Fett und Zucker versprechen, doch das einzige was überhaupt meine Aufmerksamkeit erregt ist das leuchtende Abbild Orions am Sternenhimmel, das unentwegt vor mir über der Straße schwebt.

Und hinter mir nur Dunkelheit. Ein schwarzes Loch. Ich spüre, wie es nach mir ruft und zerrt und ich würde am liebsten gleich wieder umdrehen und hineinfahren ins Ungewisse.

Ich fahre weiter geradeaus über die Straße, und merke erst jetzt wie viel Zeit vergangen ist. Etliche Stunden können einem nur wie fünf Minuten vorkommen, wenn man diesen gewaltigen kräften ausgesetzt ist. Und wie viel Zeit habe ich schon auf diesen Straßen verbracht?

Es ziehen unbekannte Städte an mir vorbei und erinnern mich an die Zeit, wo ich, so wie heute, durch ganz andere Ecken dieser Welt gefahren bin. Damals bin ich weggelaufen, auch wenn es mir nicht so vorgekommen ist. Dieses Mal bewege ich mich nur. Wohin, weiß ich selbst nicht so genau. Hauptsache erst einmal zurück. Orion folgen. Klar werden.

Heute schaue ich nicht nach Sternschnuppen im Himmel. Heute habe ich keine Wünsche mehr, die werden erst in den nächsten Tagen kommen.

Nachts gehört die Straße mir, doch sie ist ein kalter und einsamer Ort.

Und mir bleibt vorerst nichts anderes.